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Viele Wege führen nach Rom, aber auch nach Lipsitz - jenem Ort, der mit seinem Gutshof bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts über eine eigene Haltestation an der Kleinbahnstrecke zwischen Bergen und Altenkirchen verfügte. 
Nahezu 500 Jahre zuvor findet der Flecken seine erstmalige Erwähnung. Und: Obgleich auch dieser Name verschiedenste Wandlungen erfuhr, bringen die "Baltischen Studien" im Jahre 1894 dessen Bedeutung mit dem Wort "Lipa" in Verbindung, was so viel wie Linde heißt. Unklar bleiben jedoch die frühen Besitzverhältnisse des Ortes, welcher unweit der Duwenbäk, die sich von Bergen über die Insel bis zur Ostsee windet, liegt. Und auch die spätere Zugehörigkeit des Fleckens lässt sich nicht einfach beantworten, weil der Besitz lange zersplittert war. So werden in diesem Zusammenhang u.a. die Familie von der Lancken, von der Osten, von Putbus und von Platen genannt. Letztere soll dann den Ort 1730 erworben haben.


Nur vier Jahre später erblickt Eva Katharina Eleonora von Platen (1734-1799) in Lipsitz das Licht der Welt. Sie wird mehrfach in Abhandlungen zur Insel Rügen als Dichterin Erwähnung finden - so beispielsweise in Zöllners "Reise durch Pommern nach der Insel Rügen" (1797) oder Grümbkes "Streifzügen durch das Rügenland" (1805). Ihre Gedichte erschienen zu jener Zeit allerdings ohne Namensnennung unter dem Titel ""Gedichte. Stralsund, 1767" - wie Dr. D. Albrecht in einer Ausgabe der "Rügenschen Heimat" vom Dezember 1929 feststelltete.


Kurz darauf ist im Jahre 1769 ein Briefwechsel zwischen zwischen von Platen aus Lipsitz und dem Philosophen Mose Mendelssohn belegt. Historisch interessant ist vielleicht der Zeitpunkt der Korrespondenz. Sie findet unmittelbar vor dem Streit zwischen Mendelssohn, der von Zeitgenossen als "deutscher Sokrates" bezeichnet wurde, und dem Schweizer Pfarrer Lavater statt. Die auch als "Lavater-Streit" bekannte Auseinandersetzung, deren Austragung in aller Öffentlichkeit erfolgte, wird später seinen bildlichen Ausdruck in "Lavater und Lessing bei Moses Mendelssohn" finden. Allerdings hatte diese Begegnung, die 1856 von Moritz Oppenheim gemalt wurde, nie stattgefunden.

Von Bedeutung wurde für Lipsitz die Entscheidung 1817 ein Majorat zu stiften. Das Land des Gutes unterlag damit dem Wandel zu einem Majoratsgut, vergleichbar mit einer Stiftung. Das bedeutete, dass das Gut vom ältesten Sohn oder ggf. dem nächsten männlichen Verwandten des Eigentümers als Ganzes zu erben und zu unterhalten war. Das wiederum erschwerte eine Aufsiedlung. So kam das Gut 1829 an die Familie von Wakenitz und 1834 an die Familie von Lancken-Wakenitz. Einer der Majoratsherrn auf Lipsitz und Ramitz war der Leutnant im Garde-Kürassier-Regiment Franz Freiherr von der Lancken-Wakenitz (* 13. April 1865 in Lipsitz auf Rügen; † 9. Mai 1909 in München).


Er heiratete am 29. November 1887 Adelaide Baronin v. Löwenstern v. Rigemann a. d. Hs. Rösthof (* 23. Oktober 1868, † 15. Dezember 1955) - die kurz "Lilli" genannt wurde. Nachdem Franz seinen Abschied vom Militär genommen hatte, kaufte sein Schwiegervater Friedrich Baron v. Löwenstern beiden das Schloß Carnitz auf Rügen, dass sich in der Nähe der verpachteten Güter (Lipsitz wurde im 19. Jahrhundert u.a. durch Pächter Utz bewirtschaftet) befand. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Hans-Malte (24. April 1889 - 10. Dezember 1917) und Dietrich (20. Juli 1891 - 21.Mai 1937). 


Da Hans-Malte im ersten Weltkrieg bei einem Fliegerangriff im französischen Amagne fiel, wurde nun Dietrich Majoratsherr auf Lipsitz. Der sportliche Freiherr von der Lancken-Wakenitz, der zudem höchster Schill-Jugend-Führer in Österreich war, verunglückte allerdings völlig unerwartet im Jahre 1937. Zu seinem Tod ist bekannt, dass Dietrich auf der Bergsteigung einer Straße im Salzburger Land, hinter Tenneck Richtung Werften, mit einem schweren Motorrad stand, als er von einem betrunkenen Radfahrer angefahren wurde und so unglücklich auf einen Stein stürzte, dass er trotz ärztlicher Versorgung nicht mehr gerettet werden konnte.


Gustav Freiherr von Lancken-Wakenitz soll danach das Majorat bis 1945 gehalten haben. Zu den Überlieferungen eines Zeitzeugen, der vor etwa vier Jahren starb, gehört auch der Bericht darüber, dass der letzte Gutsbesitzer in Lipsitz ein Militaria-Sammler gewesen sein soll. Deshalb haben im Eingangsbereich des Gutshauses von Lipsitz wohl auch Rüstungen, Kanonen mit Kugeln sowie Kleinwaffen ihren Platz erhalten. Als nun der Russe 1945 vorm Rügendamm gestanden habe, so der Zeitzeuge, hätte der Gutsbesitzer mit Unterstützung aus Patzig Teile der Sammlung auf mindestens zwei Pferdewagen verladen und diese dann im Anschluss gegen Fremdzugriff versteckt. Gefunden wurden jedoch bis heute nur zwei napoleonische Sprengkugeln. 


Das aus Fachwerk und Backsteinen mit weiß abgesetzten Fenstern errichtete Gutshaus erschloss sich damals noch problemlos über eine kleine Freitreppe. Erwähnung fand in der Vergangenheit aber vor allem die Haustür des Gebäudes, da sie mit zwei farbig verglasten Fenstern ausgestattet wurde. Wobei die Anordnung von farbigen Scherben willkürlich erschien. Der Legende nach stammten diese aus der Normandie. 1916, so wird es jedenfalls erzählt, wären sie aus den Trümmern der Kathedrale von Rouen an der Seine geborgen worden. In einem der beiden Fenster hatte eine rechteckige Scheibe mit der Darstellung eines Reiters ihre Aufnahme gefunden. Auf den ersten Blick erinnert die Abbildung dabei an einen Stich des ausklingenden Spätmittelalters.


Parallel zum Gut, welches aus den bereits erwähnten Gründen erst im Zuge der Bodenreform nach dem zweiten Weltkrieg aufgesiedelt wurde, beherbergte das Gutshaus nach diesem Krieg sowohl Einheimische als auch Flüchtlinge. Mitte / Ende der 50er Jahre wohnten in dem Gutshaus, wie berichtet wird, mehrere Familien: Hinzes, Webers, Gudrians und Harders. Damals war auch die Parkanlage mit seinem Teich noch gut erhalten. 


1998 wurde das Haus dann aufgegeben und nahm in den Folgejahren sichtbar schweren Schaden. Der Umbau und die Umnutzung des Gebäudes zu einem Zentrum für Garten, Kunst, Architektur und Gesellschaft auf Rügen, als kleines Tagungshaus mit insgesamt neun Ferienwohnungen für 26 Personen kam nicht mehr zu Stande. 


Wie es heißt, konnten sich damals Verkäufer und Käufer nicht auf einen Kaufpreis einigen. So befindet sich das Haus trotz sehr schönen Lage, die von außen kaum einsehbar ist, in einem traurigen Zustand.



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