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Der Seehund (heute auch Robbe genannt) heißt auf Mönchgut, wie auf der ganzen Insel, eigentlich nur „Saalhund“ oder auch „de Saal“. Heute, wo dieses Tier geschützt ist und sich wieder vor Rügen ansiedelt, ist für einige kaum noch verständlich, warum Seehunde früher gejagt wurden. Ja, sogar darüber zu schreiben, ist heute schwierig, wie ich erst kürzlich erfahren musste…

In dem Lied „Hal mi de Saalhund“, welches 1823 erstmals aufgeschriebenen wurde, wird allerdings schon in den ersten Zeilen klar, was die Fischer einst dazu bewog, den Tieren den Kampf anzusagen, ihnen nachzustellen und sie zu töten – schließlich hatten sie „all de Fisch upfräten“ (all den Fisch aufgefressen) und das „ganze Net terräten“ (das ganze Netz zerrissen). Für einen Fischer, der auf den Fischfang angewiesen war, nicht hinnehmbar.

Wenn dies der Fall war, der Seehund also in die Netze – beispielsweise der Baaber Fischer – einbrach und die Fische auffraß, dann ruderten diejenigen Fischer, die es als erste bemerkten, an Land und riefen die anderen dazu auf, sich dem Kampf mit dem „Fischräuber“ zu stellen. Keine leichte Sache, wenn man weiß, dass Seehunde bis zu 200 Meter tief und bis zu 30 Minuten lang tauchen können. An Land eilte man mit Gewehren und Knüppeln zum Strand. Doch bevor die Boote bestiegen wurden, schwor man sich noch mit dem besagten Lied ein, fasste einander die Hände, tanzte im Kreise und sangen „Hol mi de Saalhund..“

„Hal mi den Saalhund ut´n Stranne to Lanne!
He hett mi all de Fisch upfräten, hett mi´t ganze Nett terräten.
Hal mi den Saalhund ut´n Stranne to Lanne!"

(„Hol mir den Seehund vom Strande zum Lande,
Er hat mir alle Fische aufgefressen, hat mir das ganze Netz zerrissen.
Hol mir den Seehund vom Strande zum Lande!") 

Hal mi den Saalhund ut´n Stranne to Lanne!
He hett dat ganze Nett terräten, he will uns jo all upfräten.
Hal mi den Saalhund ut´n Stranne to Lanne!

(„Hol mir den Seehund vom Strande zum Lande,
Er hat mir alle Fische aufgefressen, hat mir das ganze Netz zerrissen.
Hol mir den Seehund vom Strande zum Lande!") 

Hal mi den Saalhund ut´n Stranne to Lanne!
Wi willn uns hüt den Röwer langen, willn uns hüt den Saalhund fangen.
Hal mi den Saalhund ut´n Stranne to Lanne!“

(„Hol mir den Seehund vom Strande zum Lande,
Wir wollen uns heut den Räuber holen, wollen uns heut den Seehund fangen.
Hol mir den Seehund vom Strande zum Lande!) 

Dann sprangen sie in ihre Boote, um den Fischräuber aufzustöbern und zu erlegen. Wie sehr sich der Seehund die Mönchguter Fischer zum Feind gemacht hatte, kann man auch aus einer anderen Überlieferung, die der Heimatforscher Prof. Dr. Alfred Haas niedergeschrieben hat, entnehmen. Danach wurde früher kleinen Kindern ein Messer in die Wiege gelegt, damit sie, wenn der Saalhund kommt, diesem den Kopf abschneiden können…

Wie wir wissen, klagten Rügener Fischer über die Seehunde so sehr, dass sie sich im Jahre 1902 mit einer Petition an den Regierungsbezirk Stralsund wandten. Sie waren der Meinung, dass ohne eine „Vertilgung der Seehunde“ die Fischer „ihrem Ruin unzweifelhaft entgegen gingen“. So wurden nun in Vorpommern 5 Mark für jeden erlegten Seehund gezahlt. Diesem Beispiel folgten weitere Ostseeanrainer. 

So kam es, das Seehunde gezielt gejagt – also erschlagen und erschossen - wurden. Der berühmteste Seehundjäger ist vielleicht der auf Mönchgut beheimatete Martin Looks - genannt "Seeräuber" gewesen. Den Ruhm hatte er sich mit der kleinen Schrift "Der Seeräuber von Mönchgut. Sein Leben und seine Taten" (1907), die durch den Heimatdichter Fritz Worm bearbeitet wurde, gleich selbst zugeschrieben...

Statistisch sollen zwischen 1886 und 1927 in der Ostsee 353.329 Robben getötet worden sein. Ob diese Zahlen stimmen? Das ist schwer zu sagen, Eine weitere Zahl des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) geht davon aus, dass es um 1900 noch 100.000 Tiere gab. Gute 30 Jahre waren sie schon seltener geworden und es braucht weitere Jahre bis die Jagd auf die Tiere beendet wurde.

Heute haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend gewandelt: Während es immer weniger Küstenfischer gibt, weil man vom Fischfang allein kaum mehr leben kann, stehen ihre einstigen Fischräuber, die teilweise ausgerottet wurden, heute unter Schutz. Auch hierzu gibt es statistische Erhebungen: In den 90er Jahren gingen noch 1.600 Fischer der Fischerei in Mecklenburg und Vorpommern noch – heue sind es weniger als 200 Fischer, die hauptberuflich fischen. Im Gegensatz dazu kommt der Seehund wieder zurück in die südliche Ostsee, aus der er über Jahrzehnte nahezu verschwunden war. So wurden im Frühjahr 2018 lt. dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) 300 Tiere alleine im Greifswalder Bodden gesichtet. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass es sich dabei nicht um Streichel- sondern Raubtiere handelt, die mit Abstand betrachtet werden sollten.

Und: Wenn wieder einmal das pommersche Fischerlied "Hal mi de Saalhund" erklingt, dann sollte man sich auch dieses Hintergrundes bewusst sein... 

(Untere Quelle in Wort und Bild: Youtube-Kanal, Shanty Chor Saalhund Stralsund auf "Die schönsten Shanties & Seemannslieder ℗ 1999 Shanty-Gruppe Saalhund)

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